7.)  Jahrelang gar nicht kommen, dann plötzlich „akut, akut“ und „am besten gestern“

Immer wieder passiert es: Ich schaue auf das Datum des letzten Besuches – April 2012! Und dann auf den Anlass des Akuttermins, weshalb die Patientin angerufen hat: Ausfluß und Juckreiz seit einer Woche – manchmal auch etwas gravierenderes, wie stärkere Schmerzen o.ä.  Frage ich dann vorsichtig, weshalb die Patientin die letzten Jahre überhaupt nicht in der Praxis war, bekomme ich regelmäßig die Antwort: „Ich bin nicht so’n Arztgänger!“

Um eines vorwegzunehmen: Jedem kann es passieren, dass er/sie eine Vorsorgeuntersuchung in einem Kalenderjahr einmal verpasst. Dies ist auch nicht weiter schlimm! Wichtig ist meines Erachtens, dass es nicht mehrere Jahre hintereinander sind, denn dann kann sich durchaus eine Erkrankung, die frühzeitig zu erkennen wäre, u. U. unbemerkt zu einem fortgeschrittenen Stadium entwickeln.

Wenn ich höre „nicht so’n Arztgänger“, liegen für mich zwei Aspekte darin: Erstens die Feststellung, dass niemand Arztbesuche besonders liebt, einfach weil niemand gerne krank ist. Dies ist selbstverständlich und muss nicht diskutiert werden.

Zweitens, und dies ist m. E. noch wichtiger, liegt aber auch eine Missachtung des Arztes als wichtigem Partner darin: Am liebsten habe ich mit ihm gar nichts zu tun, aber wenn ich ihn brauche, hat er da zu sein!

Gerade in meinem Fachgebiet ist diese Haltung jedoch fatal: Auch wenn Sie sich gesund und leistungsfähig fühlen, sollten Sie das wichtige Angebot der Vorsorge in jedem Fall wahrnehmen! Ich habe es persönlich in 20 Jahren Berufstätigkeit erst einmal (!) erlebt, dass eine Patientin trotz regelmäßiger Vorsorge an Gebärmutterhalskrebs in einem fortgeschrittenen Stadium erkrankt wäre. In allen anderen Fällen konnten Vorstufen per Abstrich rechtzeitig erkannt werden. Umgekehrt hatte ich mehrere Fälle dieser Erkrankung, wo Patientinnen mehrere Jahre in Folge nicht bei der Krebsvorsorge waren.

Und, was mir auch noch sehr wichtig ist: Arzt-Patienten-Beziehung bedeutet Zusammenarbeit, bei der auch Ihre Mitwirkung gefragt ist. Patienten, die im Arzt nur einen Leistungserbringer sehen, der ihnen etwas schuldet und zu geben hat, womöglich dies noch als Kompensation für geleistete Krankenkassenbeiträge verstehen, die ihnen „zusteht“, begeben sich auf nicht zukunftsfähiges Glatteis: Diese Haltung, die im Moment noch begrenzt funktioniert, wird spätestens mit einer größeren Krise (Währungsreform, Euro-Crash oder gar Bürgerkrieg) ebenso zusammenbrechen wie  ein Kartenhaus bei einem Windstoß. Wohl dem, der sich Parallelstrukturen aufgebaut hat – wie eine gute Beziehung zu einem Arzt, die auf gegenseitigem (!) Respekt und der Bereitschaft zu direktem Austausch von Leistung und Gegenleistung aufgebaut ist. Dazu ist es notwendig, den Wert ärztlicher Leistung richtig einschätzen zu können, was schwer ist, wenn Sie jegliche Form von IGeL-Leistungen kategorisch ablehnen und verweigern. Lesen Sie hierzu bitte auch noch einmal meinen Blogpost „Ein offenes Wort zum Thema IGeL-Leistungen“.  Wer sich in einer Krise nur auf die Versichertenkarte verläßt,  und dies gar noch offensiv fordernd vertritt, wird sehr schnell nur noch Notfallversorgung aus humanitären Gründen vorfinden. Die so viel beschworene Ärztliche Ethik in Form des Genfer Ärztegelöbnisses enthält keine Verpflichtung zur Selbstausbeutung oder Selbstaufgabe oder den Verzicht auf legitime eigene Bedürfnisse des Arztes. Und wer gar glaubt, Ärzte würden heute noch den Eid des Hippokrates schwören, ist überhaupt nicht mehr auf dem aktuellen Stand. Dieser ist nur noch von medizinhistorischem Interesse, denn welcher auch noch so religiöse Mensch schwört heute noch „bei Apollon, dem Arzt, und Asklepios und Hygieia und Panakeia“ und sonstigen griechischen Götter irgendetwas?

Der freundlichen Bitte mit der Bereitschaft zur Gegenleistung, die in Geld für eine Privatleistung, in einer Krise aber auch in Naturalien oder einer Dienstleistung im Tausch bestehen kann, wird sich kein Arzt verschließen, und zwar auch dann, wenn Sie nicht mit dem Kopf unter dem Arm hereinkommen.

8.)  Vereinbarungen mit dem Arzt nicht einhalten, therapeutische Absprachen ignorieren, Medikamente eigenmächtig absetzen, ersetzen oder weitergeben

Niemandem ist es so wichtig wie einem Präventionsmediziner, daß meine Patienten autonome Wesen und selbstverantwortliche Entscheider in ihrem eigenen Leben sind. Daher haben Sie, wenn Sie sich in meiner Behandlung befinden, alles Recht der Welt, nach einer Konsultation eine eigene, auch abweichende Entscheidung zu treffen: Einen anderen Weg zu gehen, als ich ihn vorgeschlagen habe, eine Pille nicht weiterzunehmen, die Sie nicht vertragen, eine Operation abzulehnen oder zu verschieben, einen anderen Arzt oder eine andere Klinik aufzusuchen, als ich sie empfehle usw.

ABER:  Ich hätte gerne eine Information darüber, wenn Sie sich anders entschieden haben und warum!

Regelmäßig passiert es mir, daß eine Patientin mir nach einem Jahr berichtet, sie habe ein von mir verordnetes Medikament gar nicht eingenommen, weil ihr nach dem Lesen des Beipackzettels Bedenken gekommen seien.

Oder sie habe die Pille inzwischen wegen Kinderwunsch abgesetzt. Oder sie habe das Medikament xy nicht vertragen. Oder, oder, oder…

Das Einzige, was dagegen einzuwenden ist: Sie hätten es mir mitteilen sollen! Mich im Unklaren zu lassen und in dem Glauben, sie würden meinem Rat folgen, während Sie es nicht tun, ist nicht die Zusammenarbeit, die ich mir wünsche. Noch einmal: Sie haben zu jedem Zeitpunkt – als vernunftbegabte, autonome Wesen, die Sie sind – immer das Recht, von meiner Empfehlung abzuweichen,  aber informieren Sie mich bitte darüber! Nur dann kann ich Ihnen bei Bedarf auch in der neuen Situation helfen, statt erst später holpernd wieder einspringen, wenn ich nicht auf dem aktuellen Stand bin.

 

9.)  Erwarten, der Arzt könne auswendig jederzeit alles im Kopf haben.

Begegnet mir regelmäßig, ist aber schlicht illusorisch: Mittagspause, ich treffe eine Patientin in der Miltenberger Innenstadt und bekomme eine Frage nach meiner letzten Verordnung gestellt. Oder – nicht ganz so krass – auf dem Flur der Praxis zwischen Tür und Angel.

Bei der Zahl an Patientinnen – und ich denke, dies geht mehr oder weniger allen Kolleginnen und Kollegen so – ist es unmöglich, von jeder Patientin jedes Detail immer auswendig parat zu haben.

Daher meine Bitte: Suchen Sie die Praxis auf (noch besser rufen Sie vorher zuerst an), melden Sie sich bei der Mitarbeiterin am Empfang und schildern Sie Ihr Anliegen. Dann kann ihre Akte herausgesucht und mir vorgelegt werden, was Voraussetzung einer ordnungsgemäßen Behandlung ist.

10. Als ausländische Patientin ohne ausreichende Deutschkenntnisse keinen Dolmetscher mitbringen.

Ein Dauerthema nicht erst seit dem Flüchtlingszustrom von 2015: Um ausländische Patientinnen behandeln zu können, die weder Deutsch noch Englisch sprechen (diese beiden Sprachen beherrsche ich fließend), aber auch nicht Französisch oder Spanisch (in diesen kann ich mich gut verständigen), benötige ich einen Dolmetscher. Ein Dolmetscher ist aber nicht eine App wie Google Translator, sondern immer noch ein Mensch, der beide Zielsprachen gut genug beherrscht, um übersetzen zu können.

Künstliche Intelligenz ist als Ergänzung schön, kann aber ihr menschliches Pendant nicht ersetzen.